Ich, die Einwanderin

[This is the German version of my earlier post “I, the Immigrant”, which was published in the newspaper Weser Kurier on August 26, 2016.]

Im Jahr 2014 habe ich in Oldenburg eine Konferenz besucht, auf der eine Künstlerin ihr Projekt Artivism (Art+Activism) präsentiert hat. Sie schenkte allen Teilnehmenden kleine, selbstgefertigte blau-braune Schleifen, die die Unterstützung von Immigranten symbolisieren. Stolz habe ich die Schleife an meine Jacke geheftet: natürlich unterstütze ich Immigranten! Dann habe ich die Schleife vergessen.

Viele Monate später fiel mir die Schleife, die immer noch an ihrem Platz war, wieder auf. Plötzlich dämmerte mir etwas, über das ich vorher nie nachgedacht hatte: ich bin eine Immigrantin! Die Schleife ist für mich! Ich bin eine derjenigen, die unterstützt werden können, ein Fall, für den man eine Schleife trägt!

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Trump eröffnet unfreiwillig eine echte Chance

Normans neuer Kommentar für Weser-Kurier

Europa wird erwachsen. Allerdings nicht, weil es das so wollen würde, sondern weil es dazu gezwungen wird. Der amerikanische Schutzschirm, hinter dem sich die Europäische Union so lange versteckt hat, wird unter einem Präsidenten Trump nicht mehr in der gewohnten Form existieren.

Zwar haben abgehörte Telefonate europäischer Politiker, unterschiedliche Auffassungen zum Irak-Krieg und zu ökonomischen Themen schon seit vielen Jahren die europäisch-amerikanische Achse immer mal wieder getrübt. Allerdings fand man immer auch wieder zueinander.

Auch die gemeinsame (Werte-)Partnerschaft war nicht nur rhetorisch immer Bestandteil der politischen Agenda auf beiden Seiten des Atlantiks. Und wenn in Europa nichts mehr ging, dann waren noch die USA da.

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Ausstieg ohne Abstieg

Vom Ende des Lebens als Fan

Von Norman Laws

Die Erinnerung an den Tag, der so vieles verändern sollte, ist nicht ansatzweise verblasst. Es war der 01. Juni 1991. Es war Stadtderby. Hamburger SV gegen den FC St. Pauli. Und die Frage war, ob ich mitkommen wolle. Mein Vater und Kollegen aus seiner Fußballmannschaft hatten Eintrittskarten für das Spiel. Nun ja, Fußball spielte in meinem Leben schon immer eine gewisse Rolle. Als kleines Kind wurde ich ganz selbstverständlich auf den Fußballplatz mitgenommen, wenn mein Vater gegen Ball oder Gegner trat. Wenn er damit fertig und beim Duschen war, freute ich mich immer besonders, wusste ich doch, dass der Platzwart von Holstein Quickborn mich mit Nussschokolade in ausreichendem Maße versorgen würde. Das war aber eigentlich bis dahin mein wirklicher Fußball-Höhepunkt gewesen. Ansonsten schenkte ich als Kind Spielen von Bundesligavereinen oder der Nationalmannschaft keine Aufmerksamkeit. Insofern erschien mir die Möglichkeit, das Spiel HSV vs. St. Pauli zu besuchen zwar als interessant, aber auch nicht als besonders spektakulär. Trotzdem ging ich mit.

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Gerechtigkeit geht anders

Der Koalitionsvorschlag zur Neuregelung der Erbschaftssteuer

Von Norman Laws

In der letzten Woche hat die Bundesregierung einen Gesetzesentwurf zur Neuregelung der Erbschaftssteuer für Erben von Unternehmen beschlossen. Diese Neuregelung war notwendig geworden, da das Bundesverfassungsgericht 2014 nach Vorlage eines Falles durch den Bundesfinanzhof eine solche Reform eingefordert hatte. Bisher hatte es massive Vergünstigungen bei der Übertragung von Betriebsvermögen sowohl bei der Erbschafts- als auch bei der Schenkungsteuer gegeben. Entscheidend für die Feststellung der Verfassungswidrigkeit der bisherigen Regelung war, dass das Gericht eine Privilegierung der Besteuerung von Erbschaften feststellte, die über das betriebliche Vermögen von kleinen und mittleren Unternehmen hinausreicht und bei der keine ausreichende Bedürfnisprüfung der potentiellen Erben vorgenommen wird (1). Großunternehmen von der Erbschaftssteuer umfangreich auszunehmen verstößt darüber hinaus gegen das Gleichheitsgebot (1). Durch die bisherigen umfangreichen Ausnahmetatbestände sind dem deutschen Staat – genauer gesagt: den Bundesländern, da diesen die Erbschaftssteuer zusteht – nach Auskunft des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung DIW zwischen 2009 und 2014 45 Milliarden Euro entgangen (2).

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Gar nicht so normal

By Norman Laws

Ideen als alternativlos und objektiv darzustellen, ist nicht neu. So ist von Margaret Thatcher das Diktum „There is no alternative“ überliefert. Gerade Parteien stellen kaum den Wettstreit der Ideen in den Vordergrund, sondern die angebliche Richtigkeit der von ihnen propagierten Lösungsansätze. Es stellt sich jedoch die Frage, ob es überhaupt etwas gibt, das richtig oder wirklich alternativlos wäre. In der Wissenschaft verneinen sozialkonstruktivistische Ansätze solche Ansichten. Schon Kant wies darauf hin, dass das Wissen über die Welt immer subjektiv ist. Stattdessen wird davor gewarnt, die Charakterisierung von Sachverhalten als normal und notwendig unkritisch hinzunehmen. Dabei sind Wahrheits- und Alternativlosigkeitsbehauptungen immer an die vorherrschenden sozio-ökonomischen Strukturen gebunden und gehen von ihnen aus. Das, was als „normal“ dargestellt wird, dient bestimmten Interessen. Und das, was als „normal“ nicht hinterfragt wird, stützt existierende Strukturen.

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