Ich, die Einwanderin

[This is the German version of my earlier post “I, the Immigrant”, which was published in the newspaper Weser Kurier on August 26, 2016.]

Im Jahr 2014 habe ich in Oldenburg eine Konferenz besucht, auf der eine Künstlerin ihr Projekt Artivism (Art+Activism) präsentiert hat. Sie schenkte allen Teilnehmenden kleine, selbstgefertigte blau-braune Schleifen, die die Unterstützung von Immigranten symbolisieren. Stolz habe ich die Schleife an meine Jacke geheftet: natürlich unterstütze ich Immigranten! Dann habe ich die Schleife vergessen.

Viele Monate später fiel mir die Schleife, die immer noch an ihrem Platz war, wieder auf. Plötzlich dämmerte mir etwas, über das ich vorher nie nachgedacht hatte: ich bin eine Immigrantin! Die Schleife ist für mich! Ich bin eine derjenigen, die unterstützt werden können, ein Fall, für den man eine Schleife trägt!

Für einen Moment sah ich mich selbst als eine Person, die ihr Land verlassen hat und von einer anderen Gesellschaft erwartete, ihr Arbeit, Zuhause, Sicherheit und Akzeptanz zu gewähren. Das war ein sehr unangenehmes Gefühl.

Als ich meine Promotion in Polen beendet hatte kam es mir nicht ansatzweise in den Sinn, die Arbeitssuche auf mein Land zu beschränken. Ich dachte an die Welt nicht in Kategorien von Ländern, sondern in Universitäten – potentiellen Arbeitgebern. Ich schickte Bewerbungen nach China, Deutschland, Spanien, Südafrika oder in die USA. Ich dachte nie an Visa oder Aufenthaltsgenehmigungen. Als mich jemand fragte, ob ich eigentlich in diesen Ländern arbeiten dürfte, verstand ich die Frage nicht. Ich bin Wissenschaftlerin; Wissenschaftler haben keine Nationalität. Was sie tun hat globale Relevanz, wo sie leben ist keine Frage der Identität, sondern lediglich des Standortes.

Schließlich bekam ich eine Stelle in Deutschland. Ich mietete eine Wohnung, eröffnete ein Bankkonto und unterzeichnete einen Telefonvertrag, ich nutzte Carsharing und Sportangebote. Nichts davon erschien mir als außergewöhnlich.

Aber sind diese Dinge nicht außergewöhnlich? Ich hatte sehr viel Glück. Ich musste niemals erklären, was ich in Deutschland mache. Mein Recht, all diese Dinge zu tun, wurde nie in Frage gestellt. Auf diese Weise habe ich mich für viele Jahre nicht als Immigrantin gesehen. Auch deswegen tendiere ich dazu, mich in der derzeitigen Diskussion über Einwanderung nach Deutschland als Teil der Gastgesellschaft und nicht als Teil der Neueinwanderer, der Anderen, zu sehen.

Dabei sind es nicht nur die Flüchtlinge, die weniger Glück haben als ich. Es sind auch die Menschen aus jedem anderen Land, die etwas weniger anzubieten haben als einen Doktortitel. Es sind die, die ihren Wert auf eine ganz andere Weise beweisen müssen als ich und es sind die, die härter arbeiten, als ich es jemals tun muss.

In der Nachschau bin ich der Schleife sehr dankbar für das Unwohlsein, das sie mir bereitet hat. Es war nur ein kurzes Gefühl und es kommt nicht annähernd an das heran, was der weniger glückliche Teil dieser Welt jeden Tag fühlen muss. Aber es gab mir ein Verständnis von Migration, das ich nicht aus den Medien, aus akademischen Diskussionen oder aus Statistiken und Zahlen gewinnen konnte.

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