Trump eröffnet unfreiwillig eine echte Chance

Normans neuer Kommentar für Weser-Kurier

Europa wird erwachsen. Allerdings nicht, weil es das so wollen würde, sondern weil es dazu gezwungen wird. Der amerikanische Schutzschirm, hinter dem sich die Europäische Union so lange versteckt hat, wird unter einem Präsidenten Trump nicht mehr in der gewohnten Form existieren.

Zwar haben abgehörte Telefonate europäischer Politiker, unterschiedliche Auffassungen zum Irak-Krieg und zu ökonomischen Themen schon seit vielen Jahren die europäisch-amerikanische Achse immer mal wieder getrübt. Allerdings fand man immer auch wieder zueinander.

Auch die gemeinsame (Werte-)Partnerschaft war nicht nur rhetorisch immer Bestandteil der politischen Agenda auf beiden Seiten des Atlantiks. Und wenn in Europa nichts mehr ging, dann waren noch die USA da.

 

Trump argumentiert in isolationistischer Tradition

Nun aber wird sich die EU mit einem ganz anderen Amerika konfrontiert sehen, einem Amerika, das von einem narzistischen Populisten regiert werden wird. Trump hält nicht nur die amerikanische Umweltbehörde für überflüssig und zweifelt daran, dass der Klimawandel menschengemacht ist, er argumentiert auch in einer isolationistischen Tradition. Der große amerikanische Rücken, hinter dem man sich in Europa so häufig versteckt hat, wird verschwinden.

Damit ist das Ende der Gemütlichkeit erreicht. Die zu erwartende Verringerung des US-amerikanischen Interesses an Europa und das Zurückfahren des entsprechenden finanziellen und militärischen Engagements eröffnet Europa aber auch die Möglichkeit, wieder eine neue, eigenständige Vision von und für sich zu entwickeln – und sie auch umzusetzen.

Diese Version muss aber ein Gegenentwurf zu dem sein, womit viele ihrer Bürger die EU häufig assoziieren und zu dem, was letztendlich zu der Krise der Idee Europas beigetragen hat.

 

Probleme können nur gemeinsam gelöst werden

Statt bürokratischer Überregelungswut, dem gefühlten Vorrang wirtschaftlicher Interessen und des Freihandels, müssen der Einsatz für eine dauerhaft lebenswerte Umwelt, Bürgerbeteiligung und sozialer Ausgleich mit dem stärkeren Heranziehen derjenigen, die bisher besonders von der Wirtschaftspolitik der EU profitiert haben, Teil des neuen Projektes Europa sein.

Es wird darum gehen, ein Verständnis für das Leben in einem gemeinsamen Raum zu entwickeln, in dem jeder auch für die Probleme des Anderen einsteht. Und zwar nicht aus Altruismus – sondern weil er auch von diesen Problemen betroffen ist und sie nur gemeinsam gelöst werden können.

Wird Europa dieser Aufgabe nicht gerecht, ist die Gefahr groß, dass auch Europa selbst irgendwann in einen Populismus von trumpscher Ausprägung abgleitet. Jetzt aber eröffnet Trump mit seiner Politik unfreiwillig eine echte Chance. Es liegt aber an Europa, diese auch zu nutzen.

 

Zuerst veröffentlicht am 22.11.2016: http://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-politik-wirtschaft_artikel,-Trump-eroeffnet-unfreiwillig-eine-echte-Chance-_arid,1500323.html

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