Ausstieg ohne Abstieg

Vom Ende des Lebens als Fan

Von Norman Laws

Die Erinnerung an den Tag, der so vieles verändern sollte, ist nicht ansatzweise verblasst. Es war der 01. Juni 1991. Es war Stadtderby. Hamburger SV gegen den FC St. Pauli. Und die Frage war, ob ich mitkommen wolle. Mein Vater und Kollegen aus seiner Fußballmannschaft hatten Eintrittskarten für das Spiel. Nun ja, Fußball spielte in meinem Leben schon immer eine gewisse Rolle. Als kleines Kind wurde ich ganz selbstverständlich auf den Fußballplatz mitgenommen, wenn mein Vater gegen Ball oder Gegner trat. Wenn er damit fertig und beim Duschen war, freute ich mich immer besonders, wusste ich doch, dass der Platzwart von Holstein Quickborn mich mit Nussschokolade in ausreichendem Maße versorgen würde. Das war aber eigentlich bis dahin mein wirklicher Fußball-Höhepunkt gewesen. Ansonsten schenkte ich als Kind Spielen von Bundesligavereinen oder der Nationalmannschaft keine Aufmerksamkeit. Insofern erschien mir die Möglichkeit, das Spiel HSV vs. St. Pauli zu besuchen zwar als interessant, aber auch nicht als besonders spektakulär. Trotzdem ging ich mit.

Die Erinnerung sagt, dass wir auf der Gegengerade saßen und das Spiel nicht ansatzweise ausverkauft war. Akustisch schien der FC St. Pauli-Anhang zumindest gleichwertig mit den Gastgebern zu sein. Das verwunderte nicht, war es doch eine Zeit, zu der die Sympathien in der Stadt eher dem FC St. Pauli zuneigten. Das Schöne an der Fan-Werdung ist, dass man kann eigentlich wenig dafür kann. Und man kann auch gar nicht so genau sagen, warum es so gekommen ist. Ist es die Stadt aus der man kommt oder in der man wohnt? Ist es ein besonderer Spieler? Ist es eine spezielle Atmosphäre, ein besonderes Erlebnis? Ist es die Prädisposition, die Vorprägung durch Verwandte oder Freunde? Sicherlich, meine Familie tendierte zum Hamburger SV. Aber das habe ich richtig erst hinterher erfahren. Jedenfalls war es um mich mit diesem Spiel geschehen. Ob es daran lag, dass Hamburg gleich in den ersten Minuten ein Tor erzielte oder dass mich die Spielweise von Jan Furtok – Hamburgs großem Polen aus Kattowitz – beeindruckte? Vielleicht lag es auch einfach daran, dass Hamburg 5:0 gewann. Oder der Grund war, ganz meinem Naturell entsprechend, dass ich das Gefühl hatte, die meisten Leute waren eigentlich für St. Pauli. Und ein wenig Opposition kann ja nicht schaden.

Jedenfalls versuchte ich nach diesem Spiel so viele Spiele im Volksparkstadion wie möglich zu besuchen. Dabei war es eigentlich keine Zeit, um Fan des Hamburger SV zu werden. Die großen Erfolge waren vorbei. Stattdessen ertrug man Trainer wie Gerd-Volker Schock oder Egon Cordes (ich erinnere mich noch lebhaft an das Plakat „Cordes, Du Bratwurst“) oder betrachtete Spieler wie Waldemar Matysek und Carsten Kober. Es gab Spieltage, an denen man etwa bei Spielen wie gegen die SG Wattenscheid 09 mit gefühlt lediglich anderen 5.000 Zuschauern (tatsächlich waren es 18.000, ich habe nachgeschaut) den HSV verlieren oder unentschieden spielen sah. Gut, in den kommenden Jahren gab es dann auch wieder einzelne Erfolge, wenn etwa im Europapokal gespielt wurde. Es war eine Beziehung mit Höhen und Tiefen, wobei letztere überwogen. Es gab die fürchterlichen Wochen gegen Bremen, die Relegationsspiele gegen Fürth und Karlsruhe, Platzierungen im Niemandsland der Tabelle, es gab aber auch das 4:4 gegen Turin, Spiele in der Champions-League, Sergej Barbarez, Rodolfo Cardoso und als Trainer Frank Pagelsdorf.
Das Hinterherreisen war Bestandteil meiner Wochenenden. Von Rostock bis Hoffenheim, von Berlin bis Stuttgart. Und oft habe ich für Spiele von äußerst zweifelhafter Güte Familienfeiern und Hochzeitstage versäumt, was nicht immer für Begeisterung und gute Stimmung gesorgt hat. Die kam auch nicht auf, wenn ich mal wieder selbst wenig erfreut ob der Darbietungen des kickenden Personals des Hamburger SV war und ich auch meine unmittelbare Umgebung an meiner Stimmung Anteil haben ließ. Gerade die nicht die Nerven schonenden Relegationsspiele der letzten Jahre haben da ihre Spuren hinterlassen.

Zwischendurch nahm meine Leidenschaft ein ganz klein wenig ab, etwa als ich mich während des Studiums stärker der Schiedsrichterei widmete, um damit mein Hochschulleben mitzufinanzieren. Dabei wurde die Zeit, in der ich mich tatsächlich mit Fußball beschäftigte nicht weniger – vielmehr nahm sie zu, versuchte ich doch weiterhin so viele Spiele des Hamburger SV wie möglich zu sehen, egal ob live bei Heim- oder Auswärtsspielen oder vor dem Bildschirm. Das machte dann auch nicht halt davor, mein Privatleben in Mitleidenschaft zu ziehen. Als meine Freundin meine eigenen Spiele als Schiedsrichter, die dann nicht mehr nur in Hamburg und im unmittelbaren Umland stattfinden, nicht mehr begleiten konnte, weil die Strecken zu Spielen in anderen Teilen Deutschlands länger wurden, war sie wahrscheinlich froh. Fußball war für sie ohnehin mehr ein geduldetes Übel als Quell der Freude. Aber immerhin war Fußball ein fester Bestandteil unser gemeinsamen Wochenenden gewesen. Als ich mich dann wieder primär meinem Fan-Leben zuwandte wurde das natürlich positiv honoriert: keine Doppelbelastung als Fan und Schiedsrichter mehr!
Fußball und der Hamburger SV waren und sind ein fester Bestandteil von Gesprächen in der Familie, mit Freunden und Kollegen. Da geht es darum, wie die Leistungen der Mannschaft in den letzten Spielen bewertet wird, wie man die Neueinkäufe einschätzt oder es wird leidenschaftlich diskutiert, wer verpflichtet werden sollte. Soziale Interaktion ist so häufig mit dem Fußball verknüpft. Dazu kamen das Familientippspiel zur Bundesliga, der Versuch neue Freunde in den Bann des Hamburger SV zu ziehen und der Austausch mit anderen Fans außerhalb von Familien- und Freundeskreisen. Auch meinen Studierenden zeigte sich durch meine Leidenschaft für den Hamburger SV eher eine ganz normale Person und nicht jemand, der sie nur mit wissenschaftlichen Ausführungen langweilte.

Langsam schlichen sich ich in den letzten Jahren jedoch immer wieder Zweifel am Fußballgeschäft ein. Bereits auf der mittleren Ebene der Schiedsrichter, etwa in der Landes- und Oberliga oder der Jugend-Bundesliga, nahmen sich Funktionäre und Aktive häufig wichtiger, als es aus meiner Perspektive ihrer Rolle im Amateursport eigentlich angemessen war. Aber wir alle sind natürlich geneigt, die eigene Bedeutung manchmal etwas zu überschätzen. Das passiert in Hühnerzüchtervereinen ebenso wie in der Arbeitswelt. Es ist also normal. Von daher habe ich dem wenig Bedeutung beigemessen. Natürlich war auch immer das Bewusstsein vorhanden, dass die Bezahlungen von Fußballspielern, Trainern oder Vorstandsvorsitzenden als Bestandteil des Geschäftsmodells Fußball deutlich höher sind als das, was der Durchschnittsverdiener am Ende des Monats überwiesen bekommt. Mir war ebenso bewusst, dass ich mich, wenn ich diese Tatsache stärker in mein Bewusstsein einsickern lassen würde, eigentlich vom professionellen Fußball abwenden müsste. Aber irgendwie war die Fähigkeit der Verdrängung sehr ausgeprägt. Dann kam aber der Punkt, an dem diese Verdrängung nicht mehr möglich war. Der Grund lag wahrscheinlich an der stärkeren beruflichen Auseinandersetzung mit dem Thema sozialer Ungleichheit und den Folgen, die sie haben kann. Es ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit an sich, sondern auch eine Frage der ökonomischen Vernunft. Beispielsweise machen Autoren wie Richard Wilkinson und Kate Pickett darauf aufmerksam, dass Gesellschaften mit gleicherer Reichtumsverteilung weniger von Kriminalität, Krankheiten oder Umweltverschmutzung betroffen sind, als vergleichbare Gesellschaften mit größerer Ungleichverteilung von Einkommen und Reichtum.
Der Fußball ist natürlich nur eine Illustration der in Deutschland und weltweit stattfindenden immer stärker auseinanderklaffenden Schere von Arm und Reich. Gerade in den letzten 10 bis 15 Jahren scheint auch im Profifußball der Sprung von Gehältern, Ablösesummen, Fernsehgeldern und sonstigen Investitionssummen und damit die Entfremdung von der Lebensrealität der großen Zahl der Fußballfans noch einmal rapide zugenommen zu haben. Der durchschnittliche Bruttoarbeitslohn in Deutschland betrug laut statistischem Bundesamt im Jahr 2015 32.643,- Euro. Und das durchschnittliche verfügbare Nettoeinkommen privater Haushalte betrug im gleichen Jahr 1.345 Euro pro Monat. Dem gegenüber stehen im Fußballbereich in der Spitze Ablösesummen und Gehälter, die davon meilenweit entfernt sind. Beispielsweise bedeutet die kolportierte Ablösesumme von 14 Millionen Euro für Filip Kostic, der vom VfB Stuttgart zum Hamburger SV wechselte, ein Äquivalent von fast 429 (!) durchschnittlichen Bruttojahreslöhnen. Und für die Wechselsumme von 90 Millionen Euro, die Juventus Turin für den Transfer von Gonzalo Higuain vom SSC Neapel überwies, könnte ein durchschnittlicher deutscher Arbeitnehmer 2757 Jahre arbeiten. Für das Jahresverdienst von Robert Lewandowski, das angeblich 12 Millionen Euro beträgt, könnten 367 Durchschnittsarbeitnehmer jeweils ein Jahr in Vollzeit beschäftigt werden. Die Abkopplung von der Lebensrealität der normalen Fans in deutschen Stadien zeigt sich auch an anderen Eskapaden: wahrscheinlich hätten die wenigsten Anhänger des VfL Wolfsburg in einem Taxi mal eben so die Summe von 75.000 Euro vergessen. Es stellt sich die Frage, ob es nicht bedenklich ist, wenn Menschen anderen Menschen zujubeln, die innerhalb von 90 Minuten auf dem Fußballplatz mehr verdienen als diese in einem ganzen Jahr. Die finanziellen Mittel, die in Ablösesummen investiert oder für Handgelder oder Spielerberater aufgewendet werden, existieren ja nicht im luftleeren Raum. Stattdessen müssen sie erwirtschaftet werden – etwa über Eintrittsgelder für Spiele, durch Fernsehgelder, aber auch durch höhere Preise für Produkte von Firmen, die mit Sportlern Werbeverträge abschließen oder Vereine ausrüsten. Wenn es um das Fernsehen geht, dann sucht man sich beim Pay-TV die Leistung wenigstens noch aus, bei den Rundfunkgebühren werden hingegen auch Menschen zur Finanzierung herangezogen, die überhaupt kein Interesse am Fußball haben. Bei anderen Produkten sind die Preise höher, als sie es sein müssten, wenn kein oder deutlich weniger Geld an Spieler oder Vereine überwiesen werde würde. Wir, die Kunden, zahlen das also alles direkt oder indirekt mit.
Ohnehin ist die Rolle des Publikums und der interessierten Öffentlichkeit von nicht zu unterschätzender Bedeutung – denn ohne die zahlende Kundschaft würde das System nicht funktionieren. Allerdings sind diese häufig überraschend unkritisch oder sie zeichnen sich durch eine geringe Aufmerksamkeitsspanne aus. So wird Lionel Messi zu 21 Monaten Gefängnis wegen Steuerhinterziehung verurteilt (die er freilich wohl nicht antreten muss). Sicherlich, die Wenigsten zahlen gerne Steuern. Allerdings werden mit Steuergeldern wichtige Infrastrukturen für die Gesellschaft gesichert: Schulen, Universitäten und Krankenhäuser werden gebaut und unterhalten, Sicherheitsorgane oder Naturschutzgebiete finanziert, die Krankenversicherung bezuschusst und sozialer Ausgleich angestrebt. Steuern sind also von großer Bedeutung für das Funktionieren komplexer Gesellschaften. Dabei sollen sich die wohlhabenderen Personen theoretisch stärker beteiligten als die Schwachen, denen es weniger möglich ist, große Beiträge zu leisten. Wenn sich aber gerade die ohnehin schon reichen Personen aus dieser Solidargemeinschaft verabschieden, von der sie selbst so viel profitieren, etwa indem sie die mit ihnen verbundenen Produkte an Menschen dieser Gemeinschaft verkaufen oder weil sie Sportstätten oder Universitäten zur Verfügung gestellt bekommen haben, dann schwächt das diese Gemeinschaft. Lionel Messi hat trotz seines ungeheuren Reichtums und eines Einkommens, das wohl das Einkommen fast aller seiner Fans übersteigt, diese Gemeinschaft bestohlen – denn etwas anderes ist Steuerbetrug nicht. Hätte man nun nicht eigentlich erwarten können, dass er nur zum Paria des Sports werden würde, sein Verein ihn feuern und kein anderer Klub mehr an ihm Interesse zeigen würde? Hätte man nicht erwarten dürfen, dass Menschen ihre Messi-Trikots verbrennen und ihn mit Schimpf und Schande oder dem, was als Äquivalent im Fußballstadion dient, davonjagen würden? Natürlich ist das nicht passiert. Leute laufen immer noch in Jerseys mit seinem Namen herum, er wird als Vorbild angepriesen und nur einen Tag nach der Meldung über seine Verurteilung ist auf den Sportportalen zu lesen, dass ein Verein an seiner Verpflichtung Interesse hätte und dafür die Summe von 120 Millionen Euro zahlen würde. Auch Uli Hoeneß applaudieren Menschen wieder und es wird öffentlich über eine neue Funktion beim FC Bayern spekuliert. Die Mechanismen des derzeitigen Profifußballgeschäfts scheinen wenig anderes erwarten zu lassen. Vielleicht ist die (kaum vorhandene) Ethik des Fußballgeschäfts auch nur ein Spiegelbild und eine Fortsetzung unserer Gesellschaft an sich.
Natürlich sind Brot und Spiele seit jeher Bestandteil von Gesellschaften, auch die Bewunderung für ihre Helden, die Sportler und Athleten, ist nichts Neues. Dennoch, wenn man beim Beispiel Fußball bleibt: es sind lediglich elf ganz normale Menschen, die versuchen auf einem Spielfeld ein rundes Ding in eine eckig-umrandete Stangenkonstruktion zu bugsieren. Sie retten keine Leben, sie bilden keine Menschen, sie kümmern sich nicht um Sterbende, sie pflegen niemanden und sie sind auch nicht verantwortlich für den sicheren Transport von hunderten Personen, wie etwa Piloten, Lokomotivführer oder Busfahrer.

Kritische und hinterfragende Berichterstattung zu diesen Themen existiert in den Print- oder Onlineerzeugnissen der (Mainstream-)Sportzeitungen jedoch kaum oder gar nicht. Ablösesummen werden zwar manchmal als „Wahnsinn“ bezeichnet, die Notwendigkeit solcher Auswüchse und ihre möglichen problematischen Auswirkungen oder gar die eigene Rolle und das eigene Profitieren davon, dass man Bestandteil dieser Ausprägung von Sport als Geschäftsmodell ist, werden nicht thematisiert und sind kein Bestandteil der Analyse. Stattdessen erscheint es manchmal so, als seien die Redakteure geradezu verzückt über die immer neuen Höhen von Ablösesummen – immerhin sind es doch diese immer extremeren Zahlen, aus denen sich große Schlagzeile produzieren lassen! Anstatt wichtige Fragen von sozialer Gerechtigkeit oder ökonomischer Vernunft im Zusammenhang mit Spitzensport zu diskutieren, sind die „großen Kontroversen“, über die berichtet werden, ganz anderer Natur. Beispielsweise widmete sich der Kicker auf seiner Website der spannenden Frage, ob Sandro Wagner in den Bereich der „internationalen Klasse“ einzuordnen ist. Natürlich, die Leserschaft erwartet keine sozialkritische Berichterstattung, wenn sie http://www.kicker.de anklickt oder die Sportseite des Express in der Straßenbahn zwischen Sürth und Niehl aufschlägt. Das bedeutet aber nicht, dass es dem Sportjournalismus nicht auch guttun würde, sich auch diesen Dingen (selbstkritisch) zu widmen. Und auch in der teilweisen Gleichgültigkeit der Leserschaft mag man ein Problem erkennen. Es werden Dinge als Normalität hingenommen, die bei näherer Betrachtung keineswegs normal erscheinen. Stattdessen dient der Anschein von Normalität und ihre Aufrechterhaltung bestimmten Interessen.

Wenn es um die Kommerzialisierung von Fußball geht, dann diente in Hamburg lange Zeit als eine Art Beruhigungspille, dass man eben doch noch als Verein organisiert sei. Von daher sei man doch irgendwie „anders“, nicht so wie die „bösen“ Vereine Bayer Leverkusen, VfL Wolfsburg oder – noch schlimmer! – RB Leipzig. Als der Hamburger SV 2014 nicht nur sportlich, sondern auch finanziell in eine bedrohliche Schieflage geriet, wurde die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft und die Ausgliederung der Profiabteilung aus dem Verein insbesondere von Funktionärsseite als alternativlos präsentiert, während sich einige Fangruppen dieser Logik zu entziehen versuchten. Was passiert wäre, wenn es von der Mitgliederversammlung keine Mehrheit für eine Umwandlung gegeben hätte – man kann es nicht genau sagen. Ebenso kann darüber spekuliert werden, ob Organisationsformveränderungen tatsächlich in unterschiedlichen Handlungslogiken resultieren. Vieles scheint darauf hinzudeuten, dass die Handlungslogik nicht vom Willen der Vereine abhängt oder von der Organisationsform diktiert wird, sondern, dass sie sich vielmehr aus dem Umfeld und dem Gesamtsystem, in dem Vereine operieren, ergibt. Die Bundesliga wie auch andere große Sportligen sind nun einmal auf Gewinn ausgerichtete Wirtschaftsunternehmungen.
Das Problem besteht darin, dass Fußball als Sport eine wunderbare und Emotionen ansprechende Sache ist, die häufig mit Tradition begründet wird, bei der Fangruppen die tatsächliche oder vermeintliche Tradition für ihre Selbstvergewisserung übernehmen. Tradition wird damit Bestandteil des Spiels selbst. Tatsächlich ist Fußball aber auch gleichzeitig eine zutiefst kapitalistische Veranstaltung, in der das Geldverdienen über allem steht. Im Zweifel auch über jeglicher Tradition oder was dafür gehalten wird. Die Frage ist, ob das Produkt auch noch „gekauft“ wird bzw. ob es noch verkaufbar ist, wenn sich das so wichtige Aufrechterhalten des Anscheins von Tradition auflöst. Bisher deutet jedenfalls noch alles darauf hin, dass sich das Produkt auch weiterhin gut verkaufen wird. Die Zuschauerrekordzahlen sprechen eine deutliche Sprache. Es bleibt aber abzuwarten, ob das so bleibt – oder ob die Abkopplung von der Lebensrealität der normalen Fans irgendwann dazu führen wird, dass sich eben diese Fans vom Kunstprodukt Profifußball mit seinen grotesken Auswüchsen und den ihn repräsentierenden Stars und Sternchen abwenden und ihr Zujubeln beenden werden.
Mein Jubel ist jedenfalls vorbei. Dabei ist dieses Ende eine Kopfentscheidung, die dem Herzen immer noch schwerfällt. Das macht es natürlich viel schwerer. Aber ich sehe es als Ausstieg ohne Abstieg. Wahrscheinlich werde ich mich selbst hin und wieder ein wenig betrügen; dann werde ich den Fernseher einschalten und mir den Hamburger SV anschauen, wenn er irgendwo frei empfänglich spielt. Aber Geld werde ich aktiv nicht mehr dafür ausgeben.

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